Kleine Einführung in die Anthroposophie

von Georg Peukert



Wir leben heute in einer Zeit eines großen Umbruchs. Die Welt wächst nicht nur zusammen, wird global und weitschauend, wo vorher nationales Denken und regionale Sicht im Vordergrund standen, sondern die Menschen selbst verändern sich sichtbar, indem in ihnen immer mehr eine Individualität hervortritt, eine eigenständige Persönlichkeit, die einerseits sich selbst finden und verstehen will, andererseits danach sucht, welches der Sinn des Lebens ist.

In diesen fundamentalen Vorgängen zerfallen Gruppen, ganze Völker, Werte und lange Traditionen versinken in die Bedeutungslosigkeit. Religionen haben größte Schwierigkeiten, den Menschen ihre wahren Inhalte und die Bedeutung verstehbar zu erklären. Wir sind an einer Schwelle angelangt, an der das Vergangene nicht mehr
weiterhilft. Ganz neues Wissen und Ideen, bzw. ganz praktische Ansätze aus neuen Ideen sind erforderlich. Das „Alte“ hat ausgedient. Die Menschen warten auf ein „Neues“, das die extremen Probleme unserer Zeit aufnehmen kann und Lösungen auf erweitertem Niveau anbietet.

Aus einem tiefen geistigen Impuls heraus wurde vor ca. 100 Jahren von Rudolf Steiner die Anthroposophie gegründet, die das Ziel hatte, die unnahbare Metaphysik, die Lehre vom nicht erreichbaren Übersinnlichen, den Bereich des „Glaubens“, als eine konkrete Wissenschaft darzustellen. Nicht mehr für den Menschen unzugänglich,
wie fast alle großen Denker meinten, sondern erklärbar und „denkbar“.

Dies begann er in der „Theosophischen Bewegung“, die zur damaligen Zeit das einzige Forum war, über derartiges zu reden. Je mehr er dies jedoch durch seine außergewöhnlichen Gaben weiterentwickelte, erkannte er deren Einschränkungen für ein abendländisches Verstehen, denn die Theosophie war fernöstlich, buddhistisch orientiert. Rudolf Steiner wollte jedoch für seine spirituellen Inhalte ein christliches Fundament schaffen, das zudem naturwissenschaftliche Prinzipien mit einbezieht. So wandelte er in einem jahrelangen „Prozess“ die theosophischen Ansätze so um, dass er die Anthroposophie als abendländische „geistige Wissenschaft“ begründen konnte.

Schon im Namen wird die Mission der Anthroposophie erkennbar, nämlich Anthropos – der Mensch – und Sophia – die Weisheit. Anthropos-Sophia ist somit ein geistiger Vorgang, in dem sich die Menschheit mit der höchsten „Weisheit des Alls“ (dem Transzendenten) verbinden kann. Was heute nur Verstand ist, soll Weisheit werden, um dadurch in die höchsten Regionen des Verstehens aufzusteigen, die der Wissenschaft noch nicht zugänglich sind. Diese höhere Weisheit wurde seit Jahrtausenden mit „Sophia“ bezeichnet und man versteht in fast allen Religionen und Philosophien darunter ein Teil aus dem Wesen Gottes.

Damit ist die Anthroposophie eine „Vermittlerin von Weisheit“, die der Menschheit an der Schwelle zum neuen Jahrtausend höhere Wissensinhalte geben wollte, um die vor ihr liegenden fundamentalen Aufgaben bewältigen zu können. Unser Verstand und unsere Naturwissenschaften sind die Voraussetzungen dazu. Das ist der Grund, weshalb die Anthroposophie alle Gebiete des Wissens ergreift und sie mit neuen geistigen Inhalten bereichert. Zudem wird eine neue Art des Denkens initiiert.

Aus der Anthroposophie sind mittlerweile viele Tochterbewegungen hervorgegangen, die im praktischen Leben ganz neue Arbeitsfelder erschliessen, indem sie das anthroposophische Wissen mit einbeziehen und dadurch zu erweiterten Einsichten kommen.

Diese Fachgebiete sind:  Medizin, Ernährung, Therapeutik, Pharmazie, Christologie, Pädagogik, Architektur,
Kunst, Landwirtschaft, soziale Wirtschaftsprinzipien sowie Gesellschaftsentwicklung.