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Die Wesentlichen Eckpfeiler der Anthroposophie

von Georg Peukert

  1. Die Sicht auf die Welt, auf die „Schöpfung“

    Alles im Kosmos und unserer Welt ist Materie und Geist! Wo Materie ist, ist immer auch Geist. Geist ist das Primäre, der Ursprung, aus dem alles Materielle entstanden ist.
    Die Welt und alles in ihr enthaltene ist geistigen Ursprungs, ist also nicht aus einem „materiellen Urknall“ entstanden, sondern aus einem göttlichen geistigen Schöpfungsprozess, der unsere materielle Welt hervorgebracht hat: „ Im Urbeginne war das WORT“.
    Aus der erweiterten Sichtweise der anthroposophischen Geisteswissenschaft werden Zusammenhänge und Details der Schöpfung erklärt, die zu einem tieferen Verständnis der gesamten Weltentwicklung und aller Religionen führen können. Nicht nur die Geschichte der letzten 15.000 Jahre wird beschrieben, sondern auch Epochen davor, die uns gänzlich unbekannt sind (z.B. Atlantis, Lemurien).
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  2. Der Blick auf den Menschen als ein „Geistwesen“

    Der Mensch ist keine physikalische, biologische und chemische „Maschine“, in der alles materiell abläuft, sondern ein „Wesen“, das nur vorübergehend, -also im Leben -, einen menschlichen Körper trägt. In diesen sind eingeschlossen eine unsterbliche Seele und ein ewiger Geist, so dass der Mensch, Körper Seele und Geist ist. Der Körper zerfällt mit dem Tode, Seele und Geist bleiben erhalten und leben in der geistigen Welt des Kosmos weiter, nicht anonym, sondern konkret als eine Individualität, als persönliches ICH. Unser ICH ist ein Geistwesen.
    Durch diese im menschlichen Leib eingeschlossene Geistseele kann der Mensch auf „Höheres“ zurückgreifen, wenn er sie schult. Rudolf Steiner war ein Mensch, der diese neuen Geistorgane ausgebildet hatte und sie waren ihm dadurch Träger für seine umfangreichen geistigen Fähigkeiten. Menschen mit derartigen Fähigkeiten nennt man Universalgelehrte oder „Eingeweihte“.
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  3. Die Natur:

    Die Natur ist der Ausdruck des Schöpfungsplanes des Vatergottes. Ihre unendliche Vielheit ist die äussere Darstellung seines Wesens. Gott erschuf sie aus sich selbst mit dem Ziel, als Höhepunkt den Menschen darin hervorzubringen. Natur heißt: Mineralien, Pflanzen, Tiere und dann der Mensch als die Blüte, die Zusammenfassung von allem. Deshalb ist der Mensch in seinem Inneren das geheimnisvolle Abbild der Natur und letztendlich Gottes. Wollen wir die Natur begreifen, müssen wir auf die inneren Geheimnisse des Menschen sehen, wollen wir den Menschen verstehen, ist die Natur der Lehrmeister. Beide bedingen sich gegenseitig.
    Die Natur ist aus anthroposophischer Sicht ein „lebendiger Organismus“, bestehend aus vielerlei unsichtbaren geistigen Wesen und unsichtbaren lebendigen Kräften, die in den verschiedenen Elementarbereichen wirken: in Boden, Wasser, Luft und Licht/Wärme.
    In der langen Vergangenheit der Menschheit konnten die darin wohnenden Kräfte und Wesen vom Menschen wahrgenommen werden. Man war in der Lage, sich mit ihnen zu verständigen und dies zur Bereicherung des Lebens einzubringen. Gelingt es dem Menschen diese wieder zu ergreifen, sie zu verstehen und danach zu handeln, kann er der Natur wahrhaft dienen und ihren Auftrag richtig erfüllen.
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  4. Gott und Religion

    Unsere mitteleuropäische religiöse Grundlage ist das Christentum, das sich in der vergangenen 2000 Jahren zu dem entwickelt hat, was wir heute vorfinden. Lange Prozesse des Denkens und Verstehens sind vorausgegangen. Viele Theologen, Philosophen und Mystiker haben 2000 Jahre lang das kurze Wirken des Jesus von Nazareth, der durch die Jordantaufe zum Christus wurde, hinterfragt und erklärt.
    Anthroposophie hat in diesem neuen Begreifen ihre zentrale Aufgabe. Eine große Epoche der geistig/religiösen Entwicklung der Menschheit ist abgeschlossen. Nun muß „Neues“ kommen, um den begonnenen Weg der christlichen Religion und ihrer Wissenschaften fortzusetzen. Diesen Zukunftsweg bezeichnet man als esoterisches Christentum, denn das, was wir heute vorfinden, ist erst ein Anfang.
    Der christliche Impuls ist Ursprung für eine „lebendige“ Religion, die den Logos, den Christus, als konkretes geistiges Schöpferwesen im Mittelpunkt hat. Christentum ist deshalb nicht etwas Statisches, etwas Vergangenes, sondern im Christentum lebt seit 2000 Jahren ein konkretes „geistiges Schöpferwesen“ unter der Menschheit und bewirkt seine Weiterentwicklung: “Ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt“.
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  5. Das Leben nach dem Tod, Reinkarnation und Karma

    Ein besonderer Schwerpunkt der anthroposophischen Wissenschaft ist eine christliche Reinkarnationslehre, die Rudolf Steiner aus seinem erweiterten Wissen detailliert beschrieben hat. Danach ist es so, dass jeder heute lebende Mensch in der vergangenen Menschheitsentwicklung, schon viele Male gelebt hat. Alle Menschenseelen haben die Entwicklung von der am Anfang einfachsten Seelenverkörperung zu dem entwickelt, was wir heute sind. In jeder bedeutenden Kultur haben die heutigen Seelen gelebt und jedes Mal etwas aufgenommen, was sie in der Evolution weitergebracht hat. Wie auf einer Stufenleiter.
    Dabei haben sich die Körper dieser Menschenseelen dem jeweiligen seelisch geistigen Stand der Zeit angepasst. Das heißt, mit anwachsender seelisch geistiger Fähigkeit, veredelte sich auch die Körperlichkeit.
    Auch die Religionen und die ihnen vorausgehenden Mysterien gingen mit diesem Prozess einher, so dass man die Religionen nicht als Konkurrenz sehen kann, sondern als jeweilige Ergänzungen. Eine neue ergänzt die vorherigen. Alle zusammen ergeben eine tiefe göttliche Darstellung und Sinnhaftigkeit des umfassenden Schöpfungsplans.
    Im Rahmen dieser aus dem Christentum formulierten Reinkarnationslehre, wirkt das Karma, das „Schicksalsgesetz“. Karma besagt, jede Tat, jeder Gedanke des Menschen, hat eine Folge bzw. eine Konsequenz im Werdeplan
    Gottes, denn es geht nichts verloren und verlangt einen Ausgleich. In einem „Weltgedächtnis“ (Akasha) wird alles aufbewahrt, was auf der Erde geschieht. Dieses „geistige Weltgedächtnis“ ist die Grundlage für den ausgleichenden Plan des Karmagesetzes.
    Wenn die Menschen beginnen, sich mit diesem Gesetz auseinanderzusetzen, wird die Karmalehre dazu führen, dass nicht mehr aus Angst, nach Vorschriften oder Mahnungen gehandelt wird, sondern durch freie Einsicht in die jeweiligen Folgen der Taten. Dies hätte „heilende“ Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen unter den Menschen.
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  6. Zum Sinn des Lebens

    Durch unseren heutigen Alltag sind wir intensiv in das äußere Leben eingespannt. Noch nie war eine Menschheit, wie unsere westliche, von Religion und Schöpfung so weit entfernt, wie in unserer Zeit. Die Menschen der östlichen Welt sehen uns als „Ungläubige“, weil wir unsere Religion verloren haben und dadurch unsere „Lebensaufgaben“ im göttlichen Plan nicht erfüllen. Ein altes jüdisches Sprichwort lautet: „Das Vieh gedeiht nur unter dem Auge des Herrn“. Das meint, dass für Gemeinschaften, Völker und Gruppen, das wahre Heil auf Dauer nur entsteht, wenn man sich den Gesetzen und Notwendigkeiten Gottes bzw. des Schöpfungsplans hinwendet. Früher wurde das durch „religiöse Gesetze“ erzeugt. Heute muss es in freiem Verstehen erfolgen und darf nicht mehr mit Gewalt und Druck zu den Menschen gebracht werden.
    Der Mensch ist seit etwa 100 Jahren vermehrt für sich allein verantwortlich. Er hat den Geist, den Verstand und das Wissen, mit denen er alles erfassen kann, was notwendig ist. In diesem Begreifen liegt der Schlüssel, das, was er erkennt, zu tun. Der alte Spruch: „Jeder ist seines Glückes Schmied“, wird damit verständlich. Auch unser Berufs- und Privatleben muss wieder in die Gesetze Gottes eingebunden werden, denn sie haben sich heute davon vielfach gelöst. Wenn das nicht erfolgt, wird die „ungerechte Verteilung“ in unserer Welt weiter zunehmen. Denn jeder Mensch hat eine Lebensberechtigung und zudem eine spezifische Aufgabe in der Menschheit …..alle sind gleich, gleich in ihren Rechten und Pflichten, jedoch nicht in ihren Fähigkeiten und Talenten.
    Anthroposophie will hier bewusstseinsbildend wirken und Lösungswege aufzeigen. Rudolf Steiner entwickelte dazu die „Soziale Dreigliederung“. Sie zeigt, wie Zukunftsgesellschaften gestaltet werden müssen:
    Freiheit im Geistes- und Kulturleben für Talente und Fähigkeiten, Gleichheit im Rechtsleben, im Staat, im menschlichen Miteinander; nur im Rechtlichen sind alle Menschen gleich und Brüderlichkeit bzw. Solidarität im gemeinsamen Wirtschaften, also nicht gegeneinander, sondern miteinander.
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  7. Anthroposophie und Naturwissenschaft

    Anthroposophie sieht sich als „Ergänzung“ zu den Naturwissenschaften. Sie will dem materiellen Wissen die unsichtbaren geistigen Aspekte hinzufügen, d.h. scharfes Denken in Verbindung mit modernen naturwissenschaftlichen Vorstellungen, angewendet aber auf die über uns liegende unsichtbare geistige Welt, ist der zukünftig notwendige Weg. Anthroposophie will deshalb von den geistigen Höhen heruntersteigen und sich mit den Forderungen der Gegenwart auseinandersetzen bis zur Erfassung des dem Menschen im Alltag Notwendigen, als eine „neue Wissenschaft“.
    Der Hintergrund: Naturwissenschaft begreift das Physische, das Sichtbare, die Materie; Anthroposophische Wissenschaft „das Geistige“, das Unsichtbare. Sie will zudem das „Lebendige“ erklären, welches eine Folge des Geistigen ist. Nur unter der Vereinigung von Geistes-Wissenschaft und Naturwissenschaft auf religiöser Grundlage, kommen wir zu einer umfassenden Einsicht und können die Kluft zwischen Sinneswelt und geistiger Welt überbrücken.
    Das Ziel: jede zukünftige Wissenschaft muss die Erhöhung der Daseinswerte des Menschen zum Ziel haben. Das geht letztendlich nur in ihrer Synthese.
    Wir werden erst richtige Physiker und Chemiker werden, wenn wir neben den materiellen Stoffen, „imaginative Stoffe“ und „Kräfte“, die hinter den materiellen liegen, zum Maßstab der Naturvorgänge machen“.
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  8. Anthroposophie und Kirche

    Die Kirche und ihre hohe Lehre entwickelte sich über 2000 Jahre aus einer bunten und vielfältigen Welt der Götter, der Mythologien, der Naturreligionen, dem Orientalismus, Hellenismus und des Orthodoxen. Alle wurden zu einer christlichen weltweiten Einheit verschmolzen, dem „Katholischen“ (griech. das „Ganze“ betreffend).
    In diesem schwierigen und sehr komplexen Prozess hat die Kirche in ihren Glaubensfragen vieles festgelegt, was nie so eindeutig und klar war.
    Dies hat zu einem gewissen Stillstand der Entwicklung des „Geistes“ innerhalb der Kirche geführt mit der Folge, dass viele Menschen mit dem heutigen Bewusstsein die „alte Kirche“ nicht mehr verstehen können. Dogmen, - Glaubensfestlegungen -, leuchten nicht mehr ein und möchten verstanden werden.

    Anthroposophie möchte hier erweitertes theologisches und philosophisches Wissen einbringen, mit dem Ziel, den heutigen Menschen die Inhalte der Religion „verstehend“ nahe zu bringen, um wieder zu einem Einklang mit dem göttlichen Plan zu kommen.
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  9. Philosophie und Erkenntniswissenschaft

    In unserer Zeit des Materialismus/Naturalismus kann man Rudolf Steiner auch als einen erkenntnistheoretisch ausgerichteten Philosophen bezeichnen, dessen Ansätze über das bis heute vorhandene weit hinausreichen. Sein Werk sprengt den Rahmen „üblicher“ Philosophie. Die von ihm vermittelten Wissensstoffe sind u.a. methodische Anleitung, selber über die „Grenzen der Erkenntnis“ hinauszuwachsen. Dazu vermittelt er Methoden, neue innere Fähigkeiten zu entwickeln. Philosophie wird bei ihm zu erkenntnismässiger Durchdringung des Daseins, auf der Grundlage wissenschaftlich begründeter Einsichten.
    Schon zu Studienzeiten sah er in der Philosophie eine Schlüsselrolle. Dies bezeugt seine Dissertation über Erkenntnisphilosophie mit dem Titel „Wahrheit und Wissenschaft“. Philosophie war für ihn zudem die Grundlage, um einerseits auf die Geisteswissenschaften der letzten 2500 Jahre zurückgreifen zu können und andererseits, um eine neue „Denkkultur“ zu schaffen, die wiederum für die Verbindung von Naturwissenschaft und Geistes-Wissenschaft – der Anthroposophie - notwendig war. Im Verlauf dieser Arbeiten befasste er sich ausführlich mit den antiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Philosophen, ganz besonders mit Kant. Der Höhepunkt seines philosophischen Schaffens war die „Philosophie der Freiheit“, die er 1894 der Öffentlichkeit vorstellte und die in vielfacher Auflage erschienen ist.
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  10. Wie kommt man zur Anthroposophie?

    Da Anthroposophie eine dogmenfreie Lehre ist, gibt es keine Vorschriften und Vorgaben, wie man sich den Inhalten nähern kann.
    Der Weg geht über die Schriften Steiners, die im Buchhandel zu erwerben sind. Man kann durchaus mit jedem der vielen Themen anfangen und dann seinem eigenen inneren Impuls nachgehen.
    Es ist aber auch sinnvoll, mit einigen grundlegenden Werken zu beginnen, die in die Begriffe, - die genauso neu sind wie die Inhalte -, einführen und zu veränderten Denkgewohnheiten anregen. Solche grundlegenden Schriften aus dem Gesamtwerk sind z.B.:

    • Die Theosophie (die Weisheit von Gott)
    • Die Geheimwissenschaft im Umriss,
    • Das Christentum als mystische Tatsache,
    • Wie erlangt man die Erkenntnis der höheren Welten,
    • Wiederverkörperung und Karma
    • Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit
    • Die Philosophie der Freiheit
    • Mein Lebensgang
    In allen größeren Städten gibt es sogenannte „Zweige“ der Anthroposophischen Gesellschaft, in denen die Mitglieder der anthroposophischen Bewegung zusammenkommen. Neben regelmäßigen Zusammenkünften werden auch Vorträge, Aufführungen, Arbeitskreise und Initiativen angeboten.

    In Dornach bei Basel ist das Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft, welches eng mit den einzelnen „Zweigen“ der verschiedenen Länder zusammenarbeitet. Das Goetheanum ist der zentrale Ort der anthroposophischen Bewegung und beherbergt die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft mit den einzelnen wissenschaftlichen Fachbereichen, den Sektionen. In ihnen wird richtungsweisend anthroposophisch gelehrt und geforscht.